Reiseblog

 

Reise Nicaragua 2014 / 2015

Autor:  Andrea Heine


San Carlos, Malecon mit Nicaragua See

 

Nicaragua Reiseblog I

Nach 3 Monaten meines insgesamt sechsmonatigen Sabbaticals und fast ununterbrochenem Herumreisens in Peru, Chile und Bolivien startete ich am 28.12. von Santa Cruz in Bolivien nach Managua. Nach all den vielen Eindrücken wollte ich zunächst einmal eine Pause einlegen und 3 Wochen am Strand von Masachapa verbringen. Ich hatte mir von meinem Hotel einen Shuttle organisieren lassen und so konnte ich geruhsam ankommen. Es war ja kurz nach Weihnachten, daher gab es am Straßenrand in Managua noch einige typisch nicaraguanische Krippen zu sehen


Mein Hotel lag direkt am Strand und so verbrachte ich die nächsten Wochen abwechselnd in der Hängematte und bei Strandspaziergängen. Der Strand war einmalig, während der Woche fast leer, nur am Wochenende ein wenig voller durch einheimische Touristen aus Managua. Auch mein Hotel war dann belagert, da es einen kleinen Swimmingpool hatte, und eine Art moderne Wurlitzer mit Musikvideos, die  bei den Tagestouristen sehr beliebt war, Favorit war jedes Wochenende „Hotel California“ und Bob Marley….

Auch Silvester verbrachte ich dort. Es gab ein Fischbuffet mit gegrilltem Red Snapper und Langusten. Und um Mitternacht stießen wir alle am Strand an und freuten uns am Feuerwerk. Was für ein Erlebnis, Silvester in Flipflops am Strand und  beim Rauschen des Pazifiks!

Nach 3 Wochen ging es dann endlich wieder weiter nach Diriamba. Dort findet jedes Jahr vom 10.-27.Januar die große Fiesta zu Ehren des heiligen Sebastian statt, einer der Höhepunkte ist „el Tolpe“ am 19.Januar. Dabei wird der heilige Sebastian aus der Basilika in Diriamba in einem farbenfrohen Umzug  ins 2 km entfernte Dolores getragen, „trifft“ sich dort mit den anderen  Heiligen San Marco und Santiago, zusammen werden sie dann wieder nach Diriamba getragen, von  traditionellen Tänzen begleitet, zurückgehend auf verschiedene Legenden, aber hauptsächlich auf das erste Theaterstück Nicaraguas, dem Güegüense, inzwischen zum Weltkulturerbe ernannt.

Bisher hatte ich den Umzug immer nur am Nachmittag und am Abend gesehen, wenn die Vereinigung schon stattgefunden hatte. Diesmal reiste ich schon am Vortag an und konnte daher am nächsten Morgen die Messe  um 9 Uhr besuchen. Mein erster Eindruck war: laut und unglaublich fröhlich. Die Musik kam sehr laut vom Band, die Besucher sprangen auf und sangen und tanzten, immer auch animiert vom Pfarrer und den Ministranten. Um 10 Uhr sollte eigentlich der heilige Sebastian herausgetragen werden, aber es verzögerte sich, weil die Eucharistiefeier sehr lange dauerte. Und während ich etwas despektierlich dachte: “ja, wann tragen sie den Kerle denn endlich raus?“, hörte ich plötzlich den Rhythmus der Instrumente der diversen Tanzformationen, die sich vor dem Kirchenportal versammelt hatten. Und kaum war die Eucharistiefeier vorbei, drangen alle Tänzer und Musiker ins rechte Kirchenschiff, defilierten nach vorn zum Altar und dann  durch die Mitte des Kirchenschiffs direkt an mir vorbei wieder hinaus. Und plötzlich brauste lauter Applaus auf, ich sah wie vorne eine gelbe Flagge geschwenkt wurde, und dann kam er endlich, der heilige Sebastian. Als er fast draußen war, gingen vor dem Portal Böllerschüsse los, es wurde Konfetti verschossen und der Zug mit all den Tänzern setzte sich in Bewegung. Draußen sah man vor lauter Rauch der Böllerschüsse fast nichts mehr. Ein wenig ging ich noch hinterher, dann überholte ich den Zug,  denn ich wollt ja diesmal die Vereinigung in Dolores miterleben und lief voraus. Eine Weile sah und hörte ich die Tanzformationen noch. Aus den letzten 2 Jahren kannte ich bereits all die fröhlichen Stände am Straßenrand, laute Musik, diverse Essensstände aber vor allem Getränkestände. Auf der Straße wuselten Fahrradrikschas, Tänzer, mobile Eis-und Getränkeverkäufer durcheinander.

In Dolores war auch schon das Volksfest im Gange, es gab ebenfalls Essens- und Getränkestände und eine Musikbühne. Da ich nach dem langen Marsch in der Sonne ein wenig müde war, suchte ich mir ein schattiges Plätzchen im Park. Der Marsch in Diriamba war ja mit Verspätung gestartet, daher ging ich davon aus, dass er auch verspätet in Dolores ankommen würde und schwätzte gemütlich mit einigen Leuten und achtete nicht weiter darauf, was passierte. Plötzlich hörte ich Böllerschüsse ganz in der Nähe, der heilige Sebastian kam bereits! Leider geriet ich nun in einen großen Pulk, trotz meiner Bergkirchweiherfahrung wurde ich am Straßenrand eingeklemmt und kam weder vor und zurück. Ich konnte die Vereinigung vom heiligen Sebastian, Markus und Santiago nur mehr oder weniger hören, lauter Beifall und natürlich Böllerschüsse, ein wenig  sah ich Fahnenschwenken und die Köpfe der Heiligen. Nachdem alle 3 Heilige in der Kirche von Dolores verschwunden waren, löste sich der Pulk auf und ich machte mich auf den Rückweg.

Ich fühlte mich plötzlich sehr müde und hatte das Gefühl, Muskelkater zu bekommen, daher entschloss ich mich, eine kleine Pause in meinem Hotel einzulegen, denn erfahrungsgemäß dauerte es immer bis abends bis die 3 Heiligen mit den Tänzern in Diriamba eintrafen.  Am späten Nachmittag machte ich mich wieder auf den Weg, allerdings fiel mir das Laufen plötzlich sehr schwer, ich führte es auf das mangelnde Training der letzten 3 Monate zurück…Letztes Jahr war der Zug erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit eingetroffen, aber dieses Jahr schien es noch länger zu dauern, bei Sonnenuntergang waren sie immer noch nicht da, und da ich ja schon am Vormittag alle Tanzformationen gesehen hatte und ich nicht im Dunkeln allein in mein Hotel gehen wollte, verzichtete ich dieses Jahr auf die Ankunft der 3 Heiligen in Diriamba. –

Am nächsten Morgen fühlte ich mich gar nicht gut, ich hatte Fieber, Muskel- und Knochenschmerzen und war kaum in der Lage, mich anzuziehen. Was war denn das?? Zum Glück hatte ich mich am Vortag entschlossen, nicht mit dem Bus zu fahren, sondern mich mit dem Taxi nach Managua ins Hotel fahren zu lassen.

Am darauf folgenden Morgen wollte ich eigentlich ganz früh mit dem Direktbus nach San Miguelito zu Frida Weiß fahren, aber noch in der Nacht schrieb ich ihr, dass ich lieber noch einen Tag in Managua bleiben wollte, da ich inzwischen fürchtete, an Denguefieber erkrankt zu sein. Frida riet mir, mich lieber in einer Klinik untersuchen zu lassen. Sie setzte sich mit Nydia Vallecido in Verbindung, der früheren Bürgermeisterin von San Carlos, die jetzt wieder in Managua wohnt. Nydia empfahl mir eine Klinik in Managua, zu der ich mich fahren ließ. Sie behandelten keine Notfälle, empfahlen mir aber das Hospital Central, das ganz in der Nähe war. Dort war man bereit, mich anzusehen. Es dauerte mehr als  5 Stunden bis ich nach Untersuchung durch eine Krankenschwester und eine Ärztin und einer Blutuntersuchung  die Diagnose bekam: kein Denguefieber aber Chichungcunya, eine Mutation der Denguefiebers. Zum Glück musste ich nicht dort bleiben, ich bekam Paracetamol gegen das Fieber und die schlimmen Muskel- und Gelenkschmerzen und Elektrolyte, mehr kann man in so einem Fall nicht tun. Die nächsten  Tage verbrachte ich vor mich hindämmernd im Hotel, nach 2 Tagen fuhr ich noch mal ins Krankenhaus, nach diesmal 4 Stunden erfuhr ich, dass die Blutwerte zum Glück wieder in Ordnung waren. Die Schmerzen hatten etwas nachgelassen, dafür hatte ich jetzt einen wunderbaren Hautausschlag, ich sah aus wie ein Streuselkuchen, zum Glück war das nach 2 Tagen wieder weg. Auf so eine Erfahrung auf meiner Reise hätte ich gerne verzichtet! Aber nun konnte es endlich weitergehen.

Am nächsten Vormittag startete ich mit dem Bus Richtung San Carlos.  Die nächsten 6,5 Stunden erwartete mich ein herrliches Schauspiel: schon am Busbahnhof stürmten diverse fliegende Händler den Bus: „Auauauauauaua!“ war nicht etwa ein Ausruf großen Schmerzes war, sondern ein schnelles Hintereinander von Agua, Agua, Agua (Wasser) es gab „gaseosa, gaseosa, gaseosa“ (Limo) „pollo caliente, pollo caliente, pollo caliente“ (heißes Hühnchen) caramelos, caramelos, caramelos (Bonbons, einzeln verkauft), manzanas, manzanas, manzanas“ (Äpfel) und etliches mehr wie Empanadas. Tortillas, Kugelschreiber, man konnte sein Handy aufladen, sogar Boxer Shorts wurden angeboten. Nachdem der Bus ungefähr 30 Minuten unterwegs war, stand plötzlich eine Frau auf und redete mehr als eine halbe Stunde ununterbrochen auf die Fahrgäste ein. Sie pries ein Mittel an, das offensichtlich gegen alles half. Es sollte den Körper bei schlechter Ernährung versorgen, denn wer isst schon ständig Fisch und Gemüse, es half bei Problemen mit Laktose, gegen Parasiten, gegen Müdigkeit von Männern und diente zur Blut- und Darmreinigung. Wow, was für ein Wundermittel. Sie verkaufte tatsächlich einiges, dann stieg sie aus:  Unterwegs stiegen an den Haltestellen immer wieder andere Händler ein, es war bewundernswert, egal wie voll der Bus war, sie kamen immer irgendwie durch, verkauften  und stiegen an der nächsten Haltestelle wieder aus. Nach einiger Zeit war der Bus recht voll, neben mir setzte sich eine Frau mit 2 Kindern hin, ihren Sohn nahm sie auf den Schoß und schwupps, ehe ich mich versah, hatte ich ihre ca. einjährige Tochter für 1 Stunde auf dem Schoß! Zum Glück sind nicaraguanische Kinder unglaublich brav, die Kleine schlief geduldig auf meinem Schoß ein.

Nach fast 6,5 Stunden sah ich endlich die fahnengeschmückte Einfahrtstrasse nach San Carlos und erlebte gleich eine kleine Überraschung: an der Abzweigung in San Carlos zum Busterminal stand nicht mehr wie früher ein Heiliger (ihn hatte ich letztes Jahr in einer Ecke der Alcaldia stehen sehen), sondern stattdessen steht dort nun eine kleine Sandinostatue…

Ich ließ mich mit dem Taxi in mein Hostal fahren, geschwächt von der Krankheit brauchte ich an dem Abend nichts mehr, sondern bin früh schlafen gegangen. Am nächsten Tag machte ich dann meinen ersten kleinen Spaziergang und aß am Malecon zu Mittag und ließ den Sonntag gemütlich ausklingen. Am Montag war ich mit Frida Weiß und Heidi Kuhles, die auch gerade in San Carlos war, zum Frühstück im Pantzin, der Bäckerei von Arete, zum Frühstück verabredet. Wir hörten, was es so Neues in San Carlos und San Miguelito gab, natürlich sprachen wir auch über das umstrittene Kanalbauprojekt. Nach einigen Tassen Kaffee, ging jeder wieder  seines Weges. Ich kam allerdings nicht weit, an der Imigracion traf ich auf Luis Orozco, das Hallo war natürlich groß! Kaum hatten wir uns verabschiedet, traf ich auf Anna Handick aus Nürnberg, die gerade ihr Kurzfilmprojekt in San Carlos verwirklichte. Zufällig wurde gerade eine Szene im Hotel gegenüber gedreht, ich durfte ein wenig zusehen. Wie man es so aus dem Fernsehen kennt, musste eine Szene mehrfach gedreht werden, dann war sie im Kasten. Ich verabschiedete mich und traf vor dem Hotel prompt auf Ineke de Groot aus Groningen, der holländischen Partnerstadt von San Carlos, die seit einigen Jahren in San Carlos lebt. Wir verabredeten, dass ich sie am nächsten Tag in ihrem Häuschen besuchen würde.

Ich werde nochmals Anfang März nach San Carlos fahren, daher verbrachte ich die Tage ohne viel Programm, um mich noch ein wenig zu erholen.  Für den letzten Abend hatte mich  Ineke eingeladen, mich mit ihr und einigen anderen zum Abendessen am Malecon bzw. im Kaoma zu treffen. Ich traf dort u.a. die Bäckerin, die momentan für die Holger Kamps Stiftung im Pantzin arbeitet und traf zu meiner Überraschung auf Maurice von der Städtepartnerschaft Groningen - San Carlos, den ich im letzten Jahr bei dem internationalen Treffen der Partnerstädte von San Carlos in Nürnberg kennengelernt hatte. Er war gerade wegen eines Wasserprojekts in Nicaragua unterwegs.

Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich vorerst von San Carlos und fuhr mit dem Bus nach Managua und wollte dann von dort am Nachmittag nach Somoto im Norden Nicaraguas weiterfahren.

Fast wäre das schief gegangen, denn schon als der Bus in San Carlos losfuhr, hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Mein Gefühl trog mich nicht. Bei der Hinfahrt war der Bus ziemlich schnell gefahren, jetzt schlich er geradezu, und manchmal blieb er einfach stehen. Dann beobachtete ich, wie der Busfahrer Wasser nachfüllte. So ging das ca. 2 Stunden, dann blieb der Bus einfach stehen. Ich fragte einen Mitfahrenden, ob er wisse, was los sei, es stellte sich heraus, dass ein Schlauch im Motor geplatzt war. Oje, oje, ich sah mich schon mit meinem Gepäck am Straßenrand stehen und per Anhalter weiterfahren. Aber wir waren ja in Nicaragua. Alle Männer stiegen aus und stellten sich um den Bus herum, gaben Ratschläge und sahen zu, wie der Busfahrer auf die Idee kam, den Schlauch mit einem Gürtel provisorisch zu umwickeln. Dieses Provisorium hielt dann tatsächlich bis Managua. Mit Mühe und Not erreichte ich dann noch einen Bus, der nach Somoto fuhr, zwischendurch war ich telefonisch in Kontakt mit der Agentur in Somoto, mit der ich wegen einiger Ausflüge in Kontakt war, sie warteten auf mich, bis ich in Somoto ankam, uff!!!

 

Nicaragua Reiseblog II

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus von Somoto nach Ocotal, dort wurde ich von einer Reiseleiterin von Namancambre Tours am Busbahnhof erwartet. Wir fuhren gleich weiter mit einem Bus nach Ciudad Antigua, allerdings gab es keinen Direktbus, sondern wir mussten nach ca. 2 Stunden Fahrt an einem Abzweig aussteigen. Weiter ging es mit einem Taxi, allerdings nicht nur für uns zwei. Ich bekam den privilegierten Platz neben dem Fahrer, den Rücksitz mussten sich 5! Erwachsene und 1 Kind teilen!!!
Ciudad Antigua ist nach Leon und Granada die drittälteste Stadt Nicaraguas, ist allerdings heute nur noch ein verschlafenes Dorf, früher wurde es immer wieder vom Rio Coco her von Piraten überfallen
Es gibt dort die Kirche des Señor de los Milagros (Herr der Wunder). Zufällig besichtigte ich sie am letzten Freitag des Monats, wo immer ein besonderer Gottesdienst zu Ehren des Heiligen gefeiert wird, unter anderem wird das mitgebrachte Wasser gesegnet. Die Besucher standen bis auf die Straße hinaus und  hoben ihre Wasserflaschen in die Höhe.
Auch ein kleines Museum zur Geschichte des Ortes gibt es. Das eindrucksvollste darin waren, nachdem  wir endlich den Mann gefunden hatten, der uns aufschloss, die vielen Fledermäuse, die wir in ihrer Ruhe störten…
Danach fuhren wir wieder mit dem Taxi zum Abzweig und weiter mit dem Bus zum nächsten Ort Mozonte, ein Dorf, in dem Kunstgewerbe zu Hause ist, hauptsächlich Töpfereien.  Unterwegs kaufte der Busfahrer mal eben eine Papaya ein…
Dann ging es weiter nach Ocotal. Ocotal war in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Hochburg der Armee von Augusto César Sandino. Sie hat traurige Berühmtheit erlangt, weil sie  am 16. Juli 1927 in der Schlacht von Ocotal als erste Stadt der Welt  von Einheiten des U.S. Marine Corps  aus der Luft bombardiert wurde.
Von dort fuhr ich wieder nach Somoto zurück.
Am nächsten Tag lud mich Gonzalo von Namancambre Tours, dessen Büro direkt neben meinem Hotel lag und den ich bereits aus den letzten Jahren kannte, zu einem Musikabend in sein Hostal ein. Dort traf sich ein buntes Völkchen mit Leuten aus USA, Deutschland, Belgien und natürlich Nicaragua. Ich hatte Pablo, den Musiker, schon am Nachmittag kennengelernt und hatte ihm erzählt, dass ich politisch ein wenig aktiv bin und schon als Jugendliche mit der sandinistischen Revolution sympathisiert hatte, daher dufte ich mir ein paar Lieder wünschen. Als erstes natürlich die heimliche Nationalhymne „Nicaragua, Nicaraguita“ von Carlos Mejia Godoy, der aus Somoto stammt und einige  andere Lieder von ihm und seinem Bruder Luis Enrique und natürlich auch vom Duo  Guardabarranco. Es kam dann noch ein Freund von Pablo, der ebenfalls Gitarre spielte und auch der Belgier entpuppte ich als hervorragender Sänger und Gitarrist, so dass die 3 sich abwechselten. Da auch für genügend Getränke gesorgt war, war es ein sehr schöner Abend.
Am darauffolgenden Sonntag war in ganz Somoto bis zum späten Nachmittag der Strom ausgefallen, also hatte ich einen absoluten Ruhetag ohne Internet und Fernsehen…
Für Montag hatte ich eine Tour mit einem Reiseführer in das höchstgelegene Dorf Nicaraguas gebucht. Leider fahren dorthin nur alle 4 Stunden Busse, so dass wir schon mit dem ersten Bus um 6 Uhr morgens fahren mussten! Aber es lohnte sich. San Jose de Cusmapa liegt 1300 m hoch, man kann dort ein wenig wandern und hat eine wunderbare Aussicht, an klaren Tagen kann man bis zum Pazifik sehen. Bei meinem Besuch war es ein wenig diesig, aber die die Landschaft die ich sah, war atemberaubend, man konnte immerhin bis zu den Vulkanen Momotombo und San Cristobal sehen.
Bei einer Rast an einem See wollte uns ein kleiner Junge unbedingt seine Fähigkeiten mit seiner Steinschleuder beweisen.
Man lebt in der Gegend  hauptsächlich von der Landwirtschaft und die Frauen haben sich zu einer Comunidad zusammengetan, die Korbwaren herstellen. Bis 1990 lebte dort auch ein italiensicher Priester, der sich um die Schulbildung und den Schutz der Armen und Waisenkinder gekümmert hat.
Mit dem Bus am Mittag fuhren wir wieder zurück nach Somoto.
Am nächsten Tag ging es dann für mich weiter für 2 Nächte nach Esteli,  der„Tabak-und Zigarrenstadt“ Nicaraguas. Da ich schon dort gewesen war, konnte ich gemütlich durch die Straßen schlendern, ohne den Stress zu haben, mir  unbedingt alles ansehen zu müssen.
Von Esteli fuhr ich dann nach Jinotega, einer Stadt auch im Norden, 1000 m hoch gelegen mit einem sehr angenehmen Klima. Jinotega ist zusammen mit Matagalpa DIE Kaffeehochburg Nicaraguas.
So ganz einfach war es nicht, dort hinzukommen. Ich hatte mich vorher erkundigt, es sollte Direktbusse von Esteli nach Jinotega geben. Als ich am Terminal ankam, erfuhr ich, dass der nächste Direktbus erst wieder in 2 Stunden ginge. Nun, ich hatte es nicht eilig, also wollte ich warten, da ich keine Lust hatte, mit meinem Gepäck umzusteigen. Als es Zeit wurde für den Direktbus, kam nur ein kleiner Transporter, bei dem aber nicht Jinotega angeschrieben war. Sicherheitshalber fragte ich den Busfahrer, und siehe da, der nächste Direktbus kam erst noch 2 Stunden später, der Busfahrer sagte mir aber, er würde nach La Concordia fahren und dort wurde ein anderer Kleinbus warten, der dann nach Jinotega fahren würde. OK, noch länger wollte ich nicht warten. Ich schaute misstrauisch auf sein Dach, hier waren schon diverse Säcke und auch 2 Matratzen verstaut, wie sollte da mein Koffer und mein Rucksack hinpassen. Aber: no problema…Es wurde alles verstaut, und in La Concordia wartete tatsächlich der nächste Kleinbus auf uns, und so kam ich tatsächlich am Nachmittag in Jinotega an! Ich hatte vorher Kontakt mit einem alten Bekannten aufgenommen, ein Nicaraguaner, der einige Jahre im Erlanger/Nürnberger Raum gelebt hatte, bei der gleichen Firma wie ich gearbeitet hatte und vor einigen Jahren wieder in seine Heimatstadt Jinotega zurückgegangen war. Bei einem Bier tauschten wir uns aus, was es so Neues in der Weltfirma gibt, von gemeinsamen Bekannten und natürlich wollte ich seine Meinung zum geplanten Kanal hören, auch hier wie bei den meisten, die ich fragte,  große Skepsis…Wir tranken übrigens ein ganz besonderes Bier, es nannte sich „Mythos Kellerbier“ , tatsächlich ein unfiltriertes Kellerbier nach einem Rezept aus Süddeutschland!
Den nächsten Tag verbrachte ich geruhsam mit der Besichtigung von Jinotega, der Kathedrale, dem Friedhof, der kleinen Fußgängerzone und den Park vor der Kathedrale. Da sich viele zu Hause  keinen Internetzugang leisten  können, hat die Stadtverwaltung im Park für einen kostenlosen Internetzugang gesorgt und so sitzen hier viele Jugendliche mit Smartphone und Laptop…
Für den folgenden Tag hatte ich einen Ausflug zum Lago Apanas gebucht, ein in den sechziger Jahren gebauter 24 km2 großer künstlicher See, um den Rio Tuma zu stauen und daraus Strom zu gewinnen. Inzwischen hat er sich aber auch zu einem Vogelparadies entwickelt.
Sonntags fuhr ich dann mit dem Bus weiter nach Matagalpa. Das war leider keine gute Idee, denn als ich am Terminal ankam, drängelten sich schon die Menschen, um in den Bus nach Matagalpa einzusteigen. Da die Busse dorthin alle 30 Minuten fahren, wollte ich auf den nächsten Bus warten, aber bei diesem Bus war es auch nicht besser. Also musste ich wohl oder übel mitdrängeln, es ging ziemlich zur Sache! Der Bus war gestopft voll, ich bekam natürlich keinen Sitzplatz. Fast 2 Stunden musste ich eingekeílt stehen. Während der Fahrt dachte ich noch daran, es von der komischen Seite zu nehmen und als Erfahrung abzuhaken. Als ich dann aber in Matagalpa ankam, konnte ich nichts mehr komisch finden, denn man hatte mir meine kleine Kamera geklaut, die ich immer in der Innenseite meiner Weste direkt am Körper trage!! In dem Gedränge hatte ich absolut nichts bemerkt. So etwas war mir noch nie passiert, und ich bin ja doch schon sehr viel gereist. Die Polizei am Busterminal schickte mich zu ihren Kollegen in der Innenstadt, also ließ ich mich erst in mein Hostal fahren und ging dann gleich zur Polizei. Zum Glück hatte ich eine eingescannte Rechnung der Kamera dabei, so dass die Anzeige kein Problem war, nun hoffe ich, dass mir die speziell abgeschlossene Versicherung zumindest den finanziellen Schaden ersetzen wird. Aber leider hatte ich die Bilder von den letzten 3 Tagen in Jinotega noch nicht auf den PC  übertragen. Zum Glück habe ich noch eine zweite Kamera dabei, aber die kleine Kamera war meine Schnappschusskamera und zudem noch mit einem hervorragendem Teleobjektiv ausgestattet, sie wird mir sehr fehlen!
Ich hatte bereits vorab mit Matagalpa Tours Kontakt aufgenommen, mit denen ich einige Touren in der Umgebung machen wollte. Gleich am nächsten Tag ging es in den nahegelegenen Nebelwald. Ausgehend von dem Hotel „Selva Negra“ (Schwarzwald), dessen Besitzer aus Deutschland eingewandert waren, wanderten wir, leider teilweise im Regen, durch den Wald, begleitet vom „Gesang“ der Brüllaffen. Die Besitzer des Hotels haben ein herrliches Netz von der Wanderwegen geschaffen. Zum Hotel gehören auch eine Finca, auf dem biologisches Gemüse, Kaffee und Früchte angebaut werden, eine Rinder-Hühner und Wachtelzucht, eine eigene Käserei, alles wird im Hotelrestaurant verwendet.  Die Arbeiter können auf dem Gelände  wohnen, es gibt eine Schule, sogar ein kleines Krankenhaus! Nur der Panzer an der Einfahrt, ein Überbleibsel aus dem Contrakrieg, war für mich ein wenig störend

Am nächsten Tag besichtigte ich Matagalpa, zunächst fuhren wir zur Schokoladenfabrik „El Castillo“ der Besitzer hat seine Fabrik tatsächlich ein wenig wie eine Burg gebaut. Nun ja Fabrik: die Herstellung wird von 2 Frauen gestemmt, es wird nur bester Kakao aus der näheren Umgebung und Zucker verwendet und bei einigen Sorten auch Kaffee, Cashewnüsse und Rum, aber keine Milch. Ein Traum für mich, endlich mal wieder unbesorgt Schokolade essen zu können!
Weiter ging es zu einem Aussichtspunkt, dann zum Friedhof. Der Friedhof hat eine Besonderheit, er ist durch eine Straße getrennt in einen Friedhof für  Einheimische und Fremde.
Danach besichtigte ich das Museum von Carlos Fonseca, dem Mitbegründer der Partei FSLN, der 2 Jahre vor dem Sieg der Revolution ermordet wurde, an ihn erinnert auch ein Denkmal im Park bei der Kathedrale, das ihn zusammen mit Tomas Borge zeigt.
Am folgenden Tag machte ich eine Tour auf den Cerro Apante, den höchsten Aussichtspunkt bei Matagalpa. Der zweistündige  Weg machte meinen immer noch schmerzenden Gelenken  ganz schön zu schaffen, aber die Aussicht war wirklich wunderschön, Matagalpa lag mir zu Füßen! Auf dem Rückweg mussten wir einen kleinen Umweg machen, da quer über dem Weg eine giftgrüne Schlange lag …
Am nächsten Tag, an einem Freitag, fuhr ich weiter nach Granada. Hier wollte ich ab Sonntag das Festival der Poesie besuchen, das nun schon zum 11. Mal veranstaltet wurde. Am Samstag bummelte ich zunächst einmal gemütlich durch die Straßen,  auf dem Weg zum Nicaraguasee, an dessen Ufer Granada ja liegt, stellte ich mal wieder fest: die Welt ist ein Dorf: ich traf Jerry, einen Bekannten, der zeitweise in Europa lebt und der schon öfter in Erlangen auf der Fiesta für San Carlos mit seinem Schmuckstand vertreten war und dort auch schon eine Feuershow gezeigt hatte. Er war während des Festival de Poesia mit seinem Schmuckstand vor Ort…
Am späten Sonntagnachmittag machte ich mich dann auf den Weg zur Plaza de Independencia, wo die meisten Lesungen abgehalten wurden. Gioconda Belli stellte dort einige Kollegen aus Zentralamerika vor. Von Sonntag an  war ich dann dort ab dem späten Nachmittag Stammgast bei den Lesungen, anschließend gab es immer ein Konzert, u.a. mit Carlos Mejia Godoy, 2 Tage später mit seinem Bruder Luis Enrique Mejia Godoy und mit Katia Cardenal. Die Lesungen waren für mich zwar manchmal ein wenig ermüdend, denn es ist ja schon in seiner Muttersprache schwierig, Poesie zu verstehen, aber in einer fremden Sprache mit all den Metaphern ist es sehr, sehr schwer. Aber ich genoss einfach die Atmosphäre unter freiem Himmel in der Wärme  und freute ich mich an den Vorträgen. Dieses rollende „RRRR“ werde ich mit meiner norddeutschen Zunge wohl nie hinbekommen! Für mich war es auch unglaublich, wie viele Poeten eingeladen waren, aus der ganzen Welt kamen sie, aus Lateinamerika, aus Europa, wie z.B. Spanien, Frankreich, Italien, Slowenien, Irland, Finnland, auch aus Deutschland, aus Israel, Jordanien, aus USA. Kanada, China…Wie viel allein aus Nicaragua kamen! Fast jeder trug in seiner Heimatsprache vor, anschließend wurde die Übersetzungen von einigen sehr begabten Jugendlichen vorgetragen. Und jeder wurde vom Publikum bejubelt. Und Ernesto Cardenal, der gerade erst 90 geworden war, erhielt standing ovations. Er sprach sich übrigens vehement gegen den Kanalbau aus…
An einem Tag gab es eine Art Karnevalsumzug, es stellten sich einige Tanz-und Musikgruppen vor, einige Poeten liefen mit, einige wurden in Pferdekutschen gefahren. Wir trafen uns alle am Ufer des Nicaraguasees, wo sich fast alle Poeten auf einem Podium versammelt hatten. Die Ärmsten, denn das Podium stand in der prallen Sonne, aber die Poeten waren vom Sponsor Tona mit genügend kühlem Bier versorgt…
Und nach den Lesungen die Konzerte! Als Carlos Mejia Godoy seine Lieder sang, zum Abschluss natürlich die heimliche Nationalhymne „Nicaragua, Nicaraguita“ , war es Gänsehaut pur, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch eine Steigerung geben würde, aber : 2 Tage später stand sein Bruder Luis Enrique auf der Bühne, er wurde an diesem Tag 70 und bekam natürlich eine Torte überreicht und wurde gefeiert. Zunächst sang er allein, aber dann kam als Überraschung sein Bruder Carlos auf die Bühne, sie sangen einige gemeinsame Lieder, und als sie dann zum Abschluss  zusammen „Nicaragua, Nicaraguita“ sangen, war das Publikum kaum noch zu halten!
Und am nächsten Abend dann Katia Cardenal, die Sängerin, die zusammen mit ihrem leider 2010 verstorbenen Bruder das Duo Guardabarranco gebildet hatte, und nun mit ihrer Tochter Nina zusammen auftritt. Sie sang natürlich auch eines meiner Lieblingslieder „Casa Abierta“ …auch hier, Gänsehaut pur!
Die restliche Zeit bummelte ich durch die Straßen der wunderschönen Kolonialstadt.
Nach Granada wollte ich dann nach Leon